Wenn das Leben aus den Fugen gerät

Ein Blick in die Sozialberatung: Unsere Rotkreuz-Mitarbeiterin Sabrina Margelisch erzählt anhand eines Beispiels, wie Ratsuchende unterstützt werden.
Sozialberatung Rotes Kreuz Zürich

Es gibt Momente im Leben, in denen alles gleichzeitig zusammenzubrechen scheint. Eine Trennung, finanzielle Sorgen, die Verantwortung für kleine Kinder. Plötzlich steht man vor einem Berg von Problemen, der unüberwindbar wirkt. Genau für solche Fälle ist die Sozialberatung des SRK Kanton Zürich da. Tag für Tag begleiten unsere Sozialarbeitenden Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Sie geben Orientierung, Hoffnung und konkrete Hilfe. Nicht immer können wir vom Zürcher Roten Kreuz das erzählen, was wir möchten. Die Personen, welche die Hilfe der Sozialberatung in Anspruch nehmen, möchten meistens nicht, dass ihre Geschichte veröffentlicht wird. Das ist verständlich und uns ist es gleichzeitig sehr wichtig, dass Beratungen vertraulich bleiben. So mache ich mich mit einem teils erfundenen Fallbeispiel selbst auf den Weg in die Beratung: «Ich habe zwei kleine Kinder. Sie sind jetzt drei und ein Jahr alt. Mein Mann ist nach Brasilien ausgewandert und bezahlt keine Alimente. Ich bin also ganz auf mich allein gestellt. Eine Kita kann ich nicht bezahlen und allein lassen kann ich die Kleinen nicht. Wie soll ich da einer Arbeit nachgehen? Ich hatte gehofft, dass mein Mann zurückkommt, aber jetzt sind meine Ersparnisse bald aufgebraucht. Ich brauche Hilfe.»

Orientierung im Dschungel der Regeln

Unsere Beraterin Laura hört zu, stellt Fragen, erklärt. Schon die ersten Antworten sind ernüchternd: Kein Anspruch auf Arbeitslosentaggeld, weil die erforderlichen Beitragsmonate fehlen. Ich bin fassungslos. «Was? Wieso denn das?» Laura bleibt ruhig und erklärt die Bestimmungen: «Wer innerhalb von zwei Jahren weniger als zwölf Monate lang gearbeitet hat, erhält kein Arbeitslosentaggeld. Das trifft oft auf alleinerziehende Mütter zu.» Mein erfundenes Beispiel wächst mir schon jetzt über den Kopf. «Und das ist unabhängig davon, wie lange ich vorher gearbeitet habe?» Laura bestätigt meine Vermutung. Für mich ist es ein Schock – für Laura Alltag. Sie sieht täglich Menschen, die in solche Situationen geraten sind. Doch Laura denkt nicht in Problemen, sondern in Lösungen. Schritt für Schritt entsteht ein Plan.

Sozialhilfe-Anmeldung

«Das ist jetzt das Wichtigste», sagt Laura. «Gehen Sie zur Sozialhilfe in Ihrer Gemeinde. Dort wird Ihr Anspruch berechnet. Sie sollten gemäss den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Grundbedarf für 3 Personen) 1974 Franken erhalten für Ausgaben wie Essen, Kleider, Haushalt, Verkehrsauslagen, Gebühren (Serafe) etc. Die Miete wird separat ausbezahlt und die Krankenkassenprämien werden übernommen. Die Kita für Ihre Kinder ist über die Sozialhilfe viel günstiger. Das ist sehr wichtig, damit Sie wieder arbeiten gehen können.»

Budgetplanung

Gemeinsam erstellen wir ein realistisches Haushaltsbudget. Jeder Franken zählt. Es ist knapp, aber machbar. «Das ist ein eher knappes Budget, vor allem bei den Nahrungsmitteln», sagt Laura. «Sie könnten aber noch beim Handy-Abo sparen. Dann können Sie das Budget einhalten.» «Ja, aber was passiert, wenn ich das Budget nicht einhalten kann?», frage ich und beäuge das Budget skeptisch. Laura bleibt gelassen: «Dann haben Sie kein Geld mehr. Das geht nicht. Sie bekommen nicht mehr Geld, nur weil Sie Ihr Budget nicht einhalten können. Aber Sie können das lernen. Sie schaffen das! Versuchen Sie es erst einmal. Wenn es wirklich nicht geht, sehen wir uns das Budget noch einmal gemeinsam an.»

Sprachbarrieren überwinden

Die Sozialhilfe hat die Aufgabe, allen Menschen die Anmeldung zu ermöglichen, falls diese notwendig wird. In der Realität ist es aber nicht immer so einfach. Sprachbarrieren und Formulare stellen ein Hindernis dar. «Wenn die Formulare zu kompliziert sind, vermittelt das SRK Kanton Zürich Freiwillige, die Ihnen beim Ausfüllen helfen. Aber Sie müssen wissen, dass dies etwas dauern kann. Deswegen möchte ich, dass Sie es zuerst allein versuchen, und zwar so schnell wie möglich. Das ist jetzt wichtig», erklärt Laura.

Schuldenmanagement

Offene Rechnungen? Konsumkredit? Laura erklärt, wie Prioritäten gesetzt werden können und wo es Hilfe gibt: «Sagen Sie der Sozialhilfe auch, welche Schulden Sie haben. Krankenkassenrechnungen können in gewissen Fällen auch rückwirkend übernommen werden. Bei Ihrer Miete können Sie wahrscheinlich eine Rückzahlung an die Sozialhilfe vereinbaren, aber Ihren Konsumkredit müssen wir separat angehen. Da müssen Sie jetzt darauf achten, nicht noch mehr Schulden anzuhäufen. Zu einem späteren Zeitpunkt sehen wir zu, dass Sie eine Schuldenberatung in Anspruch nehmen. Aber das machen wir nicht jetzt – dazu werde ich Ihnen später die wichtigen Adressen geben.»

Ein Gespräch, das Hoffnung gibt

Am Ende des Gesprächs liegt ein Budget auf dem Tisch. Es geht nicht nur um Zahlen und Gesetze. Es geht um Menschen, die in einer Krise Halt brauchen. Um jemanden, der sagt: «Sie schaffen das. Wir gehen den Weg gemeinsam. Jetzt versuchen Sie erst mal das, dann sehen wir weiter. Schritt für Schritt.» 

Laura erklärt geduldig weiter: «Für die Serafe-Gebühren müssen Sie jeden Monat etwas zur Seite legen. Die Rechnung kommt nur einmal jährlich und so haben Sie das Geld schon beisammen. Wenn es etwas gibt, das Sie unbedingt benötigen – und die Sozialhilfe sagt Nein –, dann melden Sie sich wieder bei mir. Dann kläre ich ab, ob das rechtens ist und ob es eine andere Möglichkeit gibt.» Am Ende stehe ich auf. Ich habe Hausaufgaben in Form von Formularen, Anträgen und Budgets. Aber ich nehme auch etwas anderes mit: Hoffnung.

Warum diese Arbeit so wichtig ist

Die Sozialberatung des SRK Kanton Zürich ist oft die erste Anlaufstelle, wenn das Leben aus der Bahn gerät. Wir helfen nicht nur bei finanziellen Fragen, sondern auch bei der Bewältigung von Ängsten, bei Behördengängen und in schwierigen Lebenslagen. Wir geben den Menschen das Gefühl, nicht allein zu sein. Denn hinter jedem Formular, hinter jeder Zahl steht ein Mensch mit Sorgen, Hoffnungen und dem Wunsch nach einem Neuanfang.

Ihre Hilfe macht den Unterschied

Damit wir Menschen in solchen Situationen begleiten können, sind wir auf Unterstützung angewiesen. Jede Spende hilft uns, Beratung anzubieten, Freiwillige zu organisieren und Menschen in Not eine Perspektive zu geben.