Es ist ein schöner sonniger Freitagnachmittag in Zürich-Wiedikon. Die 84-jährige Daniela hat heute zwei Arzttermine. Der Morgentermin ist bereits erfolgt. Am Nachmittag steht eine Augenkontrolle an. Pünktlich um 14.30 Uhr kommt Daniel angefahren. Sie treffen sich vor der Alterswohnsiedlung. Daniela kann trotz ihrer starken Sehbeeinträchtigung noch vieles selbstständig. Die beiden hatten sich Ende Mai für Rotkreuz-Aufnahmen zur Verfügung gestellt. Dafür schlüpften sie gemeinsam für ein paar Stunden aus ihrer üblichen Rolle von Fahrer und Fahrgast in eine neue Rolle als Foto- und Videomodel. Seither sind sie per Du. So schreiben wir hier auch nur ihre Vornamen. Oft ist im Fahrdienst die Sie-Form üblich, bei welcher Daniela und Daniel auch lange geblieben waren. Seit sechs Jahren begleitet der Freiwillige die Patientin regelmässig zu medizinischen Terminen. «Ich habe viele Baustellen, gesundheitliche», sagt Daniela und muss selbst lachen über den Vergleich.
Daniela pflegte viele Jahre lang ihren Mann, der einen Hirnschlag erlitten hatte, und davor, als erwerbstätige Frau, über zehn Jahre ihre Mutter und ihre Schwiegermutter. Wegen ihrer Augenerkrankung war sie schon als junge Frau eingeschränkt in der Berufswahl. «Ich wäre damals gerne Kinderkrankenschwester geworden», erzählt sie ein wenig wehmütig. Aber ihre Eltern hatten andere Pläne für sie. Zuerst war sie in Frankreich, Spanien und England als Au-pair tätig. Aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar: In England musste sie Dienstmädchenkleidung mit Haube tragen. Für die Sprachschule reichte die Zeit nicht. Es ging ihr so schlecht, dass sie in drei Monaten elf Kilo abnahm. Später konnte sie den Einsatzort wechseln und kam in eine Künstlerfamilie in London. «Dort war es besser. Es gab immer Erbsli und Lammkoteletten. Das kann ich – auch heute noch – nicht mehr essen», erzählt sie lachend. Danach machte sie eine Bürolehre beim Wirteverein. Für die Arbeit am Schalter war es sehr willkommen, dass sie Spanisch sprach.
Und wer ist Daniel? Ein quirliger Mann in den Fünfzigern, der zuhört, gern gezielte Fragen stellt und es wichtig findet, für den Rotkreuz-Fahrdienst die Werbetrommel zu rühren. «Es gibt Menschen, die sich engagieren möchten und gar nicht wissen, dass man im Fahrdienst beispielsweise einfach einen halben Tag pro Woche mithelfen kann.» Der Jurist war 20 Jahre in der Schnittstelle Justiz und Soziales tätig, unter anderem als Jugendanwalt des Kantons Zürich, als Reintegrationscoach von dissozialen Jugendlichen sowie zuletzt im Fachdienst einer kantonalen Kinderschutzbehörde. Heute unterstützt er als Selbstständiger ältere Menschen in ihrem Alltag und bietet Hilfe und Beratung bei juristischen, gesundheitlichen und psychosozialen Themen an. Wenn Daniela und Daniel zusammen im Auto sitzen, gibt es viel Interessantes zu hören und zu diskutieren. «Ich fahre gern mit Daniel, weil wir nicht nur über meine Krankheiten, sondern vor allem über das Leben reden.» Sie sprechen über Persönliches, Gesellschaftliches, Politisches, über Sorgen und Freuden im Alltag. Beide teilen das Schicksal, unerwartet bereits vor der Lebensmitte sehr nahe und liebste Menschen verloren zu haben. Dass sie so fröhlich diskutieren, leichte Momente schaffen und diese geniessen können, ist bewundernswert. Daniel sagt: «Im Fahrdienst entstehen Begegnungen, die vielleicht anderswo nicht stattfinden würden. Oft bin ich als Fahrer erst mal derjenige, der zuhört und Fragen stellt. Das Bedürfnis, zu reden, vor allem von älteren Personen, die isoliert leben, ist oft gross.»
Zurück zum Termin in der Augenarztpraxis. Dieser dauert weniger lang als erwartet, und Daniela ruft mit dem Handy von der Praxis im vierten Stock ihren Fahrer Daniel an. Er hat in einem Café in der Nähe gewartet und holt sie wieder von der Praxis ab. Daniela berichtet, dass die Optikerin gestaunt habe über ihre gute Strukturiertheit, auch weil sie alle Unterlagen geordnet mit dabei hatte. Dass sie noch denken könne, dafür sei sie sehr dankbar, habe sie geantwortet. Die beiden müssen lachen. Leider gibt es keine Möglichkeit, die Sehkraft der Patientin mit neuen Gläsern zu verbessern. «Ich sehe sehr wenig, nur wie durch einen dicken Flaschenboden», sagt sie. Die Optikerin habe ihr geraten, dennoch eine neue Brille anzuschaffen, die draussen noch besser vor hellem Licht schützt.
Die Erfahrung, Model zu sein für Aufnahmen für das SRK Kanton Zürich, hat beiden gefallen. Sie witzeln über ihre vielleicht bevorstehende Filmkarriere, erklären dann aber ernsthaft und einstimmig: «Wir wollten dabei helfen, dass die Leute auf das Angebot aufmerksam werden und sich freiwillig für Mitmenschen engagieren.» Mit den Bildern sind Plakate gestaltet worden. Die Fotos und Videos sorgen zudem für Aufmerksamkeit im Internet und in den sozialen Medien.
Daniela ist nicht nur Fahrgast, sondern auch Spenderin fürs Zürcher Rote Kreuz. «Ich überweise jedes Jahr eine Spende und finde es eine gute Sache», sagt sie überzeugt. Daniel rät jedem, aus der eigenen Komfortzone auszubrechen und sich freiwillig zu engagieren, denn: Es sei bereichernd in jeder Hinsicht, Verschiedenes zu erleben, und genau das biete auch ein freiwilliges Engagement. «Es ist eine Win-win-Situation. Das Einzige, was im Fahrdienst teils eine Herausforderung ist, ist das Finden eines Parkplatzes in der Innenstadt», sagt er lachend. Die vor einiger Zeit eingeführte Fahrdienst-App, mit der Freiwillige ihre Fahrten auf dem Handy organisieren können, findet er «richtig gäbig». Alle wichtigen Kontakte seien verlinkt und er könne einfach Bescheid geben, wenn es dichten Verkehr habe und es eine Verspätung gebe. Daniela sagt, sie sei froh, dass sie seit der Umstellung per Rechnung zahlen könne statt bar wie früher, und findet die neuen Entwicklungen ebenfalls sehr hilfreich. Sie ist mit ihren 84 Jahren nicht nur gut, sondern auch noch modern und aufgeschlossen im Denken.
Warum Daniel sich im Fahrdienst engagiert, erklärt er so: «Dass ich interessiert bin an allen Menschen mit unterschiedlichen Biografien, erhielt ich von daheim mit auf den Weg. Auch meine Mutter war in den 1980er-Jahren im Fahrdienst engagiert. Menschlichkeit bedeutet für mich, die eigene Komfortzone zu verlassen, offen zu sein für sein Gegenüber, zuzuhören und sich auszutauschen.» Daniela schätzt den angenehmen Umgang und das Verständnis von Daniel, denn sie braucht teils einen stützenden Arm oder Hilfe beim Aussteigen. Für Daniela ist Menschlichkeit, wenn aufeinander geschaut wird. Sie wünscht sich, dass alle etwas besser füreinander schauen und die Gesellschaft mehr zusammenhält. Denn wer weiss, ob und wann man plötzlich selbst auch einmal Hilfe und Unterstützung braucht?
Rotkreuz-Fahrdienst
Thurgauerstrasse 36/38
8050 Zürich
Schweiz
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 8 bis 12 und 14 bis 17 Uhr