Jugendrotkreuz

Generationenaustausch

Ausgabe 2 / 2022
Spielen, digitales Wissen vermitteln, diskutieren: Im Generationenprojekt des Zürcher Jugendrotkreuzes treffen sich Jung und Alt und lernen voneinander.
Ein Freiwilliger vom Jugendrotkreuz erklärt einer Bewohnerin etwas am Computer

«Zu sehen, was die Jugend fasziniert, womit sie sich beschäftigt – das gefällt mir», sagt Ljudmila Schmid. Durch das Generationenprojekt des Jugendrotkreuzes (JRK) Kanton Zürich kommt die 82-Jährige regelmässig in Kontakt mit jungen Menschen. Sie lebt seit rund fünf Jahren im Gesundheitszentrum* Klus Park und nimmt seit Projektbeginn an den Besuchsnachmittagen teil, bei denen eine Gruppe von Freiwilligen alle zwei Wochen die Bewohnerinnen und Bewohner des Klus Parks besucht. Beim gemeinsamen Basteln, Spielen oder Kaffeetrinken entstehen wertvolle zwischenmenschliche Begegnungen. «Im Zentrum des Projekts steht der Dialog zwischen den Generationen», erklärt Sander Hillenaar, Projektleiter des JRK. Ziel des Projekts ist es ausserdem, den Teilnehmenden gegenseitige Einblicke in die unterschiedlichen Lebenswelten zu ermöglichen. Eine der rund zwölf Freiwilligen ist Lena. Die 20-Jährige engagiert sich bereits seit Dezember 2020 für das Projekt.

Die Besuche der Freiwilligen sind sehr wertvoll für mich – es ist ein Stück Lebensqualität.
Ljudmila Schmid, Bewohnerin

Ljudmila Schmid sitzt in einem der Gemeinschaftssäle im Klus Park und deutet auf zwei Fotos, die vor ihr auf dem Tisch liegen. Sie zeigen Schmid und eine Freiwillige des JRK, beide lächeln breit. «Das möchte ich auch noch lernen», sagt sie und meint damit, Fotos für Postkarten direkt mit dem Smartphone aufzunehmen und zu versenden. «Für uns Freiwillige ist es schön, den Seniorinnen und Senioren etwas Neues beibringen zu können», sagt Lena. Neues zu lernen, am Puls der Zeit bleiben – das ist Ljudmila Schmid wichtig. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sie sich besonders für die Smartphone-Nachmittage, die einmal pro Monat stattfinden, interessiert.

An diesen Nachmittagen dreht sich alles um die Technik. Diese hat es der älteren Dame angetan: «Ich möchte im digitalen Bereich dazulernen, mich mit der Welt vernetzen», erklärt die pensionierte Gymnasiallehrerin. Mittlerweile besitzt sie zwei iPads und ein Smartphone, die sie rege nutzt – etwa, um mit Facetime, einer Videotelefonie- App, mit ihren Angehörigen in Kontakt zu bleiben. Doch die Smartphone-Nachmittage sind nicht nur bei Ljudmila Schmid beliebt – auch die anderen Bewohnerinnen und Bewohner sind sehr interessiert und kommen jeweils mit diversen Fragen zu den Freiwilligen. «Wir helfen zum Beispiel, bestimmte Websites als Favoriten hinzuzufügen, und ich habe auch schon jemandem geholfen, sein Radio zu flicken », erzählt Lena.

Bedürfnis nach digitalem Wissen

Zu Beginn des Generationenprojekts gab es die Smartphone-Nachmittage noch nicht. Diese haben sich erst mit der Zeit etabliert, als die Freiwilligen gemerkt haben, dass bei den Seniorinnen und Senioren ein grosses Bedürfnis danach besteht. Die Technik-Nachmittage wechseln sich ab mit den «normalen» Besuchsnachmittagen – so kommen alle Teilnehmenden auf ihre Kosten. An diesen Nachmittagen stehen Gesellschaftsspiele, Basteln oder gemeinsames Kaffeetrinken auf dem Programm. Aber auch andere Aktivitäten finden Anklang: «Wir haben auch schon Geschichten vorgelesen, was zu spannenden Diskussionen über das Leben geführt hat», erzählt Lena.

Ljudmila Schmid schätzt es sehr, sich bei einem Kaffee mit den jungen Menschen auszutauschen, über Gott und die Welt zu plaudern. «Ich habe ein grosses Bedürfnis nach Kommunikation », sagt sie. Diese halte die Gemeinschaft zusammen, ist sie überzeugt. «Die Besuche der Freiwilligen sind sehr wertvoll für mich – es ist ein Stück Lebensqualität.» Das Generationenprojekt richtet sich insbesondere auch an Menschen, die wenig Besuch von Angehörigen bekommen. Für sie sind die Nachmittage mit den Freiwilligen eine willkommene Abwechslung in ihrem Alltag. Doch ob Alt oder Jung, viel Besuch oder wenig: Von den gemeinsam verbrachten Stunden profitieren alle gleichermassen. Lena schätzt es sehr, Einblicke in die unterschiedlichen Leben der Seniorinnen und Senioren zu erhalten: «Es sind komplett andere Lebensumstände, in die sie hineingeboren wurden und unter denen sie ihr Leben führen – völlig anders, als ich mein Leben lebe», erklärt sie.

Ich tauche für diese Stunden in eine andere Welt ein.
Lena, Freiwillige beim Jugendrotkreuz

Nach den Besuchen im Klus Park fühlt sich die junge Frau entspannt. «Der Austausch mit den Bewohnerinnen und Bewohnern gibt mir Ruhe und Frieden.» Wenn sie im Klus Park ist, vergisst sie ihre eigenen Sorgen. «In dieser Zeit konzentrieren wir Freiwilligen uns nur auf die anwesenden Personen. Wir sind in der direkten Interaktion mit einer Person, was in dieser Form heute unter Gleichaltrigen praktisch nie stattfindet.» Und genau dies macht das Generationenprojekt auch so wertvoll: Es findet ein Austausch auf Augenhöhe statt. «Dies hilft auch, Vorurteile abzubauen», ist Ljudmila Schmid überzeugt. Denn diese bestünden auf beiden Seiten – bei Jung und Alt.

«Durch den Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Klus Parks hat sich mein Bild des Alters verändert», bestätigt Lena. «Seit ich dort bin, habe ich gemerkt, dass man ältere Personen nicht einfach in denselben Topf werfen kann: Es ist spannend, zu sehen, wie sie ihr Leben selbstständig leben, verschiedene Interessen, Einstellungen und Eigenarten haben. Diese Erfahrung zu machen, hat mein Denken über das Alter komplett verändert.» Ljudmila Schmid ist überzeugt, dass die Gespräche mit den jungen Menschen auch ihnen selbst zugutekommen: Sie unterhält sich mit den Freiwilligen gerne über deren Berufswünsche und Zukunftspläne. «Dadurch erhalten die jungen Menschen wertvolle Inputs für ihre Zukunft.»

Flexibilität ist gefragt

Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. So ist es auch im Klus Park. «Nicht alle Bewohnenden haben die gleiche gesundheitliche Ausgangslage», erklärt Projektleiter Sander Hillenaar. Manche Bewohnerinnen und Bewohner hören nicht mehr so gut, andere sind an Demenz erkrankt. Deshalb ist die Planung der Nachmittage manchmal eine Herausforderung. Sander Hillenaar und den Freiwilligen ist es sehr wichtig, dass die Nachmittage für alle Teilnehmenden erfüllend sind. Aus diesem Grund wird immer Rücksprache gehalten und das Programm bei Bedarf angepasst.

Im Gesundheitszentrum Klus Park findet das Generationenprojekt bereits seit zwei Jahren statt. Aufgrund der positiven Erfahrungen sowohl von den Bewohnenden wie auch der Heimleitung sind weitere Projekte in anderen Gesundheitszentren der Stadt Zürich geplant. Dieses Jahr sollen Projekte in den Zentren Limmat sowie Langgrüt realisiert werden. Noch werden Freiwillige gesucht. «Interessierte Freiwillige sollten Einfühlungsvermögen, Offenheit und Freude am Kontakt mit älteren Menschen sowie Geduld und Verständnis für deren Lebenswelt mitbringen», sagt Sander Hillenaar. Ljudmila Schmid freut sich bereits auf den nächsten Samstagnachmittag: «Die jungen Menschen sollen die Welt von draussen zu uns bringen.»

* Die Alters- und Pflegezentren der Stadt Zürich haben fusioniert und treten neu als Gesundheitszentren für das Alter auf.

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