Vorsorgeauftrag

Aus dem Beratungsalltag

Rechtzeitig vorgesorgt
Das Leben geniessen und rechtzeitig vorsorgen – ganz nach dem Motto: Das eine tun und das andere nicht lassen.
Gründe, es nicht zu tun, gibt es viele. Wer möchte sich schon mit der Möglichkeit der eigenen Urteilsunfähigkeit oder mit dem eigenen Sterben beschäftigen? Und dennoch gilt: Wer sicherstellen möchte, dass sich niemand Fremdes in sein Leben einmischt, muss gewisse Dinge rechtzeitig regeln oder zumindest – als ersten Schritt – einen Beratungstermin vereinbaren. Damit man sich wieder den leichteren Dingen im Leben zuwenden kann.

Die Selbstbestimmung sei ihnen wichtig. Deshalb seien sie gekommen und möchten einen Vorsorgeauftrag, eine Patientenverfügung und manchmal auch ein Testament schreiben. Man höre und lese ja so vieles. Deshalb wollten sie es jetzt anpacken und den ersten Schritt tun, erklären sie mir. Es sind vorwiegend ältere Menschen, die in die Beratung zum Vorsorgeauftrag kommen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie nicht möchten, dass sich jemand von aussen einmischt.

Selbstbestimmt im Leben bleiben, das ist ihnen sehr wichtig. Und wenn sie dereinst nicht mehr für sich selber entscheiden können, wollen sie zumindest bestimmen, wer dies an ihrer Stelle tut. Und genau dies lässt sich mit dem Vorsorgeauftrag regeln.

«Selbstbestimmt im Leben bleiben, das ist ihnen wichtig.»

Zu Beginn jeder Beratung frage ich jeweils nach dem konkreten Anliegen. Ich möchte wissen, mit welchen Erwartungen eine Person kommt. In der Regel erhalte ich so bereits die wichtigsten Informationen, die ich für die Beratung brauche. Zum Beispiel, ob die Person allein lebt oder ob sie Kinder oder Wohneigentum hat. Danach erkläre ich, was sich mit einem Vorsorgeauftrag alles regeln lässt. Da damit mehrheitlich Vorkehrungen im nicht-medizinischen Bereich definiert werden, erkläre ich den Unterschied zur Patientenverfügung.

Von Hand schreiben ist Vorschrift

Verheiratete, die sich bereits gegenseitig eine (Bank-)Vollmacht ausgestellt haben, möchten meistens wissen, wieso es darüber hinaus noch einen Vorsorgeauftrag braucht. Wieso der Ehepartner nicht einfach entscheiden und bestimmen könne, wenn der andere urteilsunfähig werde. Das ist eine berechtigte Frage, zumal für den Vorsorgeauftrag auch strengere Formvorschriften gelten als für die Vollmacht. Ich erkläre dann, dass es nicht möglich sei, eine Vollmacht auf den Zeitpunkt der Urteilsunfähigkeit auszustellen, dies kann man nur mit dem Vorsorgeauftrag tun.

Verständlicherweise möchten alle viel lieber ein Formular ausfüllen. Dass sie den Vorsorgeauftrag komplett von Hand schreiben müssen, ist vielen nicht sympathisch. Die Alternative, den Vorsorgeauftrag beim Notar erstellen und beglaubigen zu lassen, möchten aber die wenigsten. In der Regel biete ich an, dass sie den Vorsorgeauftrag zuerst mit dem Computer schreiben und mir dann zum Gegenlesen schicken. Danach aber müssen sie den Text von Hand abschreiben, sonst wird das Dokument nicht akzeptiert.

Nicht alle haben eine Person des Vertrauens

Mit einem Vorsorgeauftrag bestimmt man Personen seines Vertrauens, für einen zu entscheiden, wenn man dazu selber nicht mehr in der Lage dazu ist. Schwierig wird dies für Menschen, die allein leben und keine Nachkommen haben. Eine ältere, aber noch sehr vitale Frau erklärte mir, dass sie niemanden habe, den sie einsetzen könne. Sie fragte daher mich, ob ich ihre Vertrauensperson sein könne. Das hat mich sehr gerührt. Ich erklärte ihr dann, dass man nicht zwingend einen Vorsorgeauftrag erstellen müsse, denn in ihrem Fall würde dies ja bedeuten, dass sie privat eine Person suchen und als ihre Vertrauensperson einsetzen müsste. Das wollte sie nicht.

Grundsätzlich schaut in solchen Fällen, also immer dann, wenn kein Vorsorgeauftrag erstellt wurde, die Erwachsenenschutzbehörde (KESB). Auch wenn die KESB immer wieder mit Einzelfällen negativ in die Schlagzeilen gerät, handelt es sich um eine Fachbehörde mit einem gesetzlichen Auftrag. Falls die vitale Dame irgendwann urteilsunfähig würde, würde die KESB prüfen, wie ihr am besten geholfen werden kann – zum Beispiel mit der Errichtung einer Beistandschaft. 

«Am meisten berührt es mich, wenn ich ihre Freude spüre und sie aus ihrem Leben erzählen.»

Wenn ich in der Beratung die unterschiedlichsten Lebensgeschichten höre und sehe, wie die Menschen aktiv und selbstbestimmt in ihren Leben stehen, bin ich oft beeindruckt. Am meisten berührt es mich, wenn ich ihre Freude spüre, wenn sie aus ihrem Leben erzählen. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass sie diese Selbstbestimmung mit einem Vorsorgeauftrag bis zum Lebensende aufrechterhalten können.

Von Ruth Eigenmann, Juristin und Rotkreuz-Mitarbeiterin