Interview

«Nur im Krimi werden Testamente versteckt»

Ausgabe 4 / 2020
Lea Moliterni im Interview
Was kann ich alles in meinem Testament bestimmen? Wie kann ich Sinnhaftes aus meinem Wirken hinterlassen? Das Rote Kreuz Zürich bietet kostenlos Testamentsberatungen an und beantwortet individuell Fragen. Rotkreuz-Beraterin Lea Moliterni erzählt hier aus ihrem Alltag.

Lea Moliterni, Sie beraten im Namen des Zürcher Roten Kreuzes zu den Themen Tod, Testament und Vorsorge. Mit welchen Fragen kommen Ratsuchende zu Ihnen?
Die Menschen, die zu mir in die Beratung kommen, haben ganz vielfältige Anliegen. Meistens beginnt es mit einer simplen Grundfrage. Zum Beispiel, wie man Schmuck vererbt oder wo man das Testament aufbewahren soll. Erst im Beratungsgespräch und mit wachsendem Vertrauen geht das Gespräch in die Tiefe. Das Testament hat mit dem eigenen Ableben zu tun, das braucht Auseinandersetzung. Und zwar mit sich und seinem Leben. Es ist ja ein Vorsorgeinstrument für dann, wenn man nicht mehr lebt – anders als die Patientenverfügung oder der Vorsorgeauftrag. Inhärent hat es etwas mit dem «Nicht-mehr-sein» zu tun.

Über den eigenen Tod und über Geld zu sprechen, ist nicht einfach. Wie gelingt es Ihnen, für die Ratsuchenden eine vertrauensvolle Atmosphäre für ihre persönlichen Fragen zu schaffen?
Das Wichtigste ist: sehr gut zuhören. Ich nehme auf, was die Menschen beschäftigt, ohne zu werten. Gerade weil ich neutral bin, also keine emotionale oder familiäre Beziehung zur Person in der Beratung habe, sprechen sie mit mir über Dinge, über die sie mit der eigenen Familie nicht sprechen können oder wollen. Von Vorteil ist auch, dass ich keine Juristin bin. Die Leute haben weniger Berührungsängste und weniger Bedenken, eine «blöde Frage» zu stellen.

Erzählen Ihnen die Menschen auch von ihren geheimen Sorgen?
Das Testament ist ein Abbild davon, wie man gelebt hat. Das heisst, alle Konflikte in der Familie, also auch Liebschaften, uneheliche Kinder, zurückliegende Streitereien, Gefühle von «Zu-kurz-Kommen» finden sich wieder im Testament. In sehr vielen Beratungsgesprächen kommen solche persönlichen Schicksale zum Vorschein und die Ratsuchenden haben verständlicherweise Fragen dazu.

Gibt es etwas, das die Menschen, die zu Ihnen kommen, verbindet?
Eine tiefe Sehnsucht, etwas Sinnhaftes zu hinterlassen – nicht umsonst gelebt zu haben. Wer einer sozialen Institution etwas hinterlassen möchte, tut dies oft aus Dankbarkeit für ein erfülltes Leben. Viele erleben im Geben Erfüllung.

Welche Rolle spielen Legate und Erbschaften fürs Zürcher Rote Kreuz, und ist es nicht schwierig, dieses Thema anzusprechen?
Für das Zürcher Rote Kreuz sind Legate und Erbschaften enorm wichtig. Sie garantieren unserer humanitären Arbeit jene Nachhaltigkeit, die wir brauchen, um auch langfristig und verlässlich für die Menschen hier vor Ort da zu sein. Ich frage jedoch nie nach einem Legat. Das Thema kommt – möchte das jemand tun – von allein auf. Wenn wir über die freie Quote sprechen, erkläre ich, dass sie darüber frei entscheiden können. Und ich frage immer: Was ist Ihnen wichtig? Was möchten Sie ermöglichen? Es ist sehr natürlich, dass das Rote Kreuz hier ein Thema ist.

Um auf eine oft gestellte Frage zurückzukommen: Wo sollte man denn das Testament konkret aufbewahren?
Möglichst offensichtlich! Es ist nur im Krimi so, dass das Testament versteckt wird (lacht). Am besten angeschrieben in einem Couvert, gut auffindbar. Von Vorteil ist auch, die Angehörigen zu informieren. Wer Bedenken hat, dass es versehentlich oder absichtlich wegkommt, kann es hinterlegen lassen, zum Beispiel bei jedem Notariat (kostenpflichtig) und in vielen Gemeinden.

Seit wann machen Sie Testamentsberatungen?
Die Beratungen mache ich nun seit sechs Jahren und habe dabei wahnsinnig viel gelernt. Seit jeher mag ich ältere Menschen, schon als Kind habe ich mich für ihren reichen Schatz an Erlebtem interessiert. Ich finde auch das Erbrecht hochspannend. Alles «Alte» hat mich zudem schon immer interessiert – das ist wohl mit ein Grund, warum ich Geschichte studiert habe (lacht).

Sie sind promovierte Historikerin. Gab es denn auch schon Gespräche über Historisches und das Leben früher hier in der Schweiz in den Beratungen?
Sobald die Leute erfahren, dass ich Historikerin bin, erzählen sie mir von früher. Es ist ein Automatismus! Ich liebe das. Mich interessiert die Vergangenheit. Herkunft ist für den Menschen sehr bedeutsam und prägend. Das merkt man auch im Testament. Was mich jedes Mal besonders berührt, ist, wenn Menschen aus der Kriegszeit erzählen. Mir hat zum Beispiel jemand von seinem Vater berichtet, der bei der Spanischen Grippe von Rotkreuz-Schwestern umsorgt wurde. Oder eine Dame erzählte, wie sie als Kleinkind im Zweiten Weltkrieg mit ihren acht Geschwistern in einer Suppenküche in der Stadt Zürich speiste. Das Bild der Rotkreuz-Schwester mit der weissen «Scheube» (Dialekt für Schürze) und der grosse Suppentopf, das werde sie nie vergessen.

Sie sind nicht nur Beraterin, sondern auch mit Herz und Seele Fundraiserin vom Zürcher Roten Kreuz und stehen in regem Kontakt mit Spenderinnen, Gönnern und Stiftungen. Was gefällt Ihnen besonders bei Ihrer Arbeit?
Der Kontakt mit Menschen. Es ist ein unglaubliches Privileg, dass ich für das Rote Kreuz arbeiten und Menschen für unsere Arbeit begeistern darf.