Engagement

Spielend Deutsch lernen

Ausgabe 1 / 2020
Mitten unter uns - Engagement von einer Freiwilligen
Olivia Bräm hat ein Jahr lang einen Jungen aus Sri Lanka begleitet und ist Botschafterin fürs Zürcher Rote Kreuz. Hier erzählt sie, was sie dabei alles erlebt hat.
«Als mein Sohn Lion in den Kindergarten kam, hatte ich plötzlich viel mehr Zeit. Meine Teilzeitarbeit als administrative Assistentin konnte ich mir selber einteilen. So habe ich mir überlegt, mich für etwas zu engagieren, das ich gut in meinen Alltag integrieren kann. Im Internet bin ich auf das Rotkreuz-Angebot ‹mitten unter uns› gestossen. » Olivia Bräm aus Bassersdorf schrieb eine E-Mail, und umgehend meldete sich ein Rotkreuz-Mitarbeiter.

«mitten unter uns» ist ein Integrationsangebot, das fremdsprachige Kinder und Jugendliche mit deutschsprachigen Freiwilligen zusammenbringt, sodass sie in ihrer Freizeit spielend ihr Deutsch üben können. Das verbessert ihre Noten in der Schule und später ihre Chancen in der Berufsausbildung.

Nach einem Abklärungsgespräch bei Olivia Bräm zu Hause stand das erste Kennenlernen des künftigen Gastkindes, Adsharan, an. Seine Eltern waren dabei, der Rotkreuz-Mitarbeiter sowie natürlich Lion, der auch schon ganz gespannt war. Die Jungs verstanden sich auf Anhieb. Adsharan wohnt im gleichen Dorf und ist nur ein Jahr älter als Lion. Dennoch kannten sich die beiden bis dahin nicht. Adsharan spricht verständlich Deutsch – ihm fehlt jedoch die Möglichkeit, die Sprache genügend im Alltag anzuwenden. Mit der deutlichen Aussprache nimmt er es zudem noch nicht so genau. Bei seinem neuen Freund Lion fühlte er sich gleich wohl und fragte nach dem Gespräch: «Darf ich noch etwas bleiben? » Von da an besuchte er seine Gastfamilie ein ganzes Jahr lang jeden Montagnachmittag für rund drei Stunden.
«Es ist ein gutes Gefühl, der Gesellschaft etwas zurückzugeben»
Olivia Bräm
Das Rote Kreuz ist für Menschen da, die Hilfe brauchen. Es ist politisch und religiös neutral. Das alles hat die Freiwillige von Anfang an überzeugt. Als sie etwas später angefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, Zürcher Rotkreuz-Botschafterin für eine Werbekampagne zu werden, musste sie nicht lange überlegen und sagte Ja. «Was das alles bedeutete, war mir damals gar nicht bewusst – aber ich würde es jederzeit wieder machen», sagt sie lachend. Sie war zusammen mit Lion und Adsharan auf Plakaten zu sehen, als Botschafterin in den sozialen Medien präsent, die regionale Zeitung «Dorfblitz» publizierte einen Bericht über sie und ihr Bild wurde abgedruckt auf Prospekten oder wie hier, in der Zürcher Rotkreuz Zeitung. Persönlich erhielt sie nur positive Rückmeldungen und die eine oder andere Anfrage, wie denn das genau sei mit der freiwilligen Tätigkeit und ob sie das wirklich mache.

Schöne Erfahrung mit positiven Highlights

«Es war eine schöne Erfahrung für mich, bei ‹mitten unter uns› und als Botschafterin», sagt die 34-Jährige. «Auch für die beiden Kinder. » Noch einige Zeit nach dem Fotoshooting fragten die Jungs, ob die Fotografencrew bald mal wiederkomme. So viel Spass hatten sie beim Shooting – sie waren im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, es gab eine Kissenschlacht mit Erwachsenen zum Aufwärmen und jede Menge Unterhaltung. Es war beinahe zu viel Action. Nachdem alle aufgewärmt waren, das Licht und alles rundherum eingerichtet war, musste Olivia Bräm ein «Machtwort» sprechen, sodass die beiden Jungs endlich aufs Sofa kamen, um ein Buch anzuschauen, damit der Fotograf die Aufnahmen machen konnte. Als Lion später das Plakat sah, war er sehr beeindruckt, wie «mega gross» er, seine Mutter und Adsharan da drauf waren.

Beide Seiten profitierten

«Mit Adsharan und seiner Familie hatte ich sehr viel Glück. Es hat gut gepasst, und ich erhielt auch einen Einblick in ihr Leben. Davor hatte ich keinen Bezug zu Familien aus anderen Kulturen. Die Verständigung war jedoch schwierig, da die Mutter fast kein Deutsch spricht. » Eine lustige Anekdote erlebte die Freiwillige an Weihnachten: Sie hatte sich bewusst überlegt, Adsharans Familie kein Geschenk zu machen, da sie eine andere Religion haben und daher kein Weihnachtsfest feiern. So nahm sie an, dass ein Geschenk entsprechend unpassend wäre. Adsharans Mutter machte sich auch Überlegungen zum Thema Weihnachtsgeschenk und hat sich ebenfalls angepasst, einfach umgekehrt: Sie hat den beiden ein Geschenk gebracht, auch wenn sie selber in der Familie Weihnachten nicht feiern.

Möchten Sie sich auch freiwillig bei «mitten unter uns» engagieren? Dann melden Sie sich bei uns! 

Vielfältige Zeit

Die gemeinsamen Nachmittage vergingen immer schnell. Adsharan gefiel es so gut bei seiner Gastfamilie, dass er oft am liebsten noch länger geblieben wäre. «Es war eine tolle Zeit. Wir haben viel Alltägliches zusammen erlebt, aber auch viel miteinander unternommen, zum Beispiel backen, basteln, Velotouren, in die Badi oder auch ein Besuch im Zoo. Adsharan lernte bei uns einen anderen Alltag und andere Regeln kennen und ich denke, er konnte sprachlich profitieren. Aber auch Lion konnte profitieren, indem er einen Spielkameraden hatte und sich mit ihm messen konnte wie mit einem Bruder. » Im Moment engagiert sich Olivia Bräm nicht mehr im Rahmen von «mitten unter uns», da die Familie bald umziehen wird und sie unterdessen mehr arbeitet. Die beiden Jungs haben dennoch weiterhin Kontakt, wenn auch nicht mehr so regelmässig. Lion hat Adsharan beispielsweise zu seinem Geburtstagsfest eingeladen. Würde die 34-Jährige auch andern ans Herz legen, sich freiwillig zu engagieren? «Auf jeden Fall», meint sie. «Es ist ein gutes Gefühl, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. »

Zahlen & Fakten

Im vergangenen Jahr profitierten 395 Kinder und Jugendliche von «mitten unter uns» und 259 Freiwillige engagierten sich.
Dabei ist es das Ziel, dass die Kinder und Jugendlichen im ungezwungenen Zusammensein ihre deutschen Sprachkenntnisse verbessern und mit den Lebensgewohnheiten in der Schweiz vertraut werden.