Editorial

«Tutti fratelli!»: Verpflichtung und Auftrag zugleich

Die Vision von Henry Dunant, gemeinsam für die Verletzlichsten der Gesellschaft einzustehen, hat nichts an Aktualität eingebüsst. Bei der Entstehung der weltweiten Rotkreuzbewegung im 19. Jahrhundert standen für deren Gründer Henry Dunant die Rettung und Pflege von Kriegsverwundeten in der Schlacht von Solferino im Zentrum. Aber nicht nur. Er wollte den Menschen auch in Friedenszeiten beistehen, insbesondere beim Ausbruch von Seuchen. Infektionskrankheiten spielten im 19. Jahrhundert eine zerstörerische Rolle und verbreiteten sich in erster Linie über das Trinkwasser.

155 Jahre später sind durch den Ausbruch der Corona-Pandemie zahlreiche Menschen im Kanton Zürich erkrankt oder gar am Virus verstorben. Viele leiden psychisch, sind vereinsamt oder von einem Tag auf den anderen in existenzielle Not geraten. Es war ein besonderes Jahr mit vielen Herausforderungen, die einen grossen Einfluss auf unsere Arbeit hatten. Manches war – wie beim Rotkreuz-Fahrdienst – vorübergehend nur eingeschränkt möglich. Anderes wurde neu gestaltet oder zusätzlich angeboten.

Grosse Solidarität

Trotz Einschränkungen konnten die Vulnerablen in ihrer Not betreut und begleitet werden, sei es durch den telefonischen Besuchsdienst «Rotkreuz-Grüezi», sei es durch die temporäre Einkaufshilfe für Risikogruppen oder die Unterstützung durch finanzielle Corona-Soforthilfe in Notsituationen. Die Präsenz des SRK Kanton Zürich war 2020 erforderlicher denn je. In der SOS-Beratung zählten wir so viele Beratungen wie noch nie. Auch die Klientinnen und Klienten der ambulanten psychosozialen Betreuung Villa Vita durften sich an Alternativprogrammen wie Stadtspaziergängen oder Besuchen vor dem Haus beteiligen. Gerade auch Menschen mit psychischer Belastung oder Beeinträchtigung konnten dank Onlinetools und kreativen Ideen weiterhin begleitet werden.

Insgesamt waren 2600 Freiwillige im Einsatz. Von ihnen war Pandemie-bedingt noch mehr Engagement gefragt. Deshalb ist es mir ein wichtiges Anliegen, den vielen Freiwilligen, aber auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Zürcher Roten Kreuzes besonderen Dank auszusprechen. Dank Flexibilität, Innovation und der grossen Solidarität unserer Gönnerinnen und Gönner konnten wir Menschen in Not verlässlich zur Seite stehen und ein gutes Jahresergebnis erzielen.

Corona wird uns auch 2021 begleiten. Das Virus verursacht Verunsicherung und neue Herausforderungen. Es bringt aber auch eine Welle der Solidarität mit sich. «Tutti fratelli!» – der Aufruf Henry Dunants von 1859, wonach alle Menschen in Not ungeachtet ihrer Herkunft Hilfe erhalten sollen – ist aktueller denn je. Denn nur gemeinsam erreichen wir mehr Menschlichkeit in solch aussergewöhnlichen Zeiten.

Barbara Schmid-Federer, Präsidentin SRK Kanton Zürich