Zeitzeugin

Wie eine Erfahrung das Leben veränderte

Ausgabe 4 / 2020
Zeitzeugin Edith Aichinger
Zeitzeugin Edith Aichinger kam als Kind mit der Rotkreuz-Kriegshilfe in die Schweiz.
Dank der «Kinderhilfe» des Schweizerischen Roten Kreuzes gelangte Edith Aichinger im Frühjahr 1948 als Neunjährige in die Schweiz. In den «Ferien vom Krieg» lernte die Tirolerin eine Welt kennen, in der Hunger, Angst und Gewalt keinen Platz hatten.

Ein weisses Kreuz auf rotem Grund flattert im Wind. Die Schweizerfahne wird von Edith Aichinger geschwenkt, die auf dem Balkon ihrer Seebacher Mietwohnung steht und den Gast durch die weitläufige Anlage der städtischen «Stiftung Alterswohnungen» lotst. Frau Aichinger lädt zum Besuch, weil sie in der Zürcher Rotkreuz Zeitung (Ausgabe 2 / 2020) über den Aufruf «Zeitzeugen gesucht» gestolpert ist. Sie will ihre persönlichen Erlebnisse als «Rotkreuz- Kind» mit der Leserschaft teilen. Und so nimmt uns die lebensfrohe 81-Jährige, die sich genau zu erinnern vermag und anschaulich zu erzählen weiss, auf eine bewegende (Lebens-)Reise mit.

Die Reise beginnt 1939 in Innsbruck, wo Edith als zweites von vier Kindern geboren wurde. Die Kindheit war vieles, nur nicht unbeschwert: Zum Dritten Reich gehörig, wurden Innsbruck und seine Zivilbevölkerung in Kriegshandlungen hineingezogen. Zu den frühesten, Edith in Mark und Bein übergegangenen Erinnerungen gehören das Dröhnen der Bomber, das Geheul der Alarmsirenen und die Muffigkeit der Luftschutzbunker. Ein solcher Fliegerangriff legte den Hausteil mitsamt Küche in Schutt und Asche. Ein folgenschwerer Zwischenfall, war die Versorgung mit rationierten Lebensmitteln doch prekär. Die ganze Kindheit litt Edith Hunger – ein «schmerzhaftes» Gefühl, wie sie sagt, um dann mit einem Lächeln zu ergänzen, dass sie ein «schmales Gesicht wie eine kleine Maus» gehabt habe.

«Ferien vom Krieg» 

Nach Kriegsende schaltete das Schweizerische Rote Kreuz in den kriegsgebeutelten Nachbarländern Inserate für die «Kinderhilfe». Für die «Ferien vom Krieg» konnten sich Familien ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit, politischen Orientierung oder Religion anmelden, die Hilfsorganisation traf ihre Auswahl nach medizinisch-psychologischen Gesichtspunkten. Zu den Auserwählten im Bezirk Tirol gehörte auch die unterernährte Edith. Ausgestattet mit einem Koffer und einer «Rotkreuz-Kenntafel» bestieg das Mädchen im Frühsommer 1948 den legendären «Kinderzug». Bevor die Kinderschar den Schweizer Pflegeeltern beziehungsweise Kinderheimen zugeführt werden konnte, musste ein Zwischenhalt im Quarantänelager Buchs absolviert werden. Die eingeschüchterten Ankömmlinge wurden dort ärztlich untersucht und mit einer kulinarischen Stärkung belohnt. So kam Edith in den Genuss ihrer ersten Tasse heisse Schokolade (mit Semmel) – ein unvergessliches Begrüssungsgeschenk!

Das mit Spannung herbeigesehnte Treffen mit den Pflegeeltern verlief angenehm. Edith wurde von einer Familie aufgenommen, die mitten in der Stadt Zug ein geräumiges Haus mit Garten bewohnte. Namentlich die 20-jährige «Gastschwester » Ursula erleichterte dem «Gast auf Zeit» die Eingewöhnung. Wie die einzige vom Erholungsaufenthalt überlieferte Fotografie bezeugt, wurden die beiden ein Herz und eine Seele. Schon nach wenigen Tagen beherrschte die auf der Fotografie mit einer Schweizerfahne posierende Edith «Schwyzertütsch». Auf Sonntagsausflügen bekam das Mädchen die touristischen Sehenswürdigkeiten des Alpenlandes vorgeführt. Wie die Fotoaufnahme weiter verrät, genoss Edith in Zug reichhaltige Mahlzeiten, sodass von der Unterernährung bald nichts mehr zu sehen war. Um den guten äusseren Eindruck zu vervollständigen, wurde Edith von Kopf bis Fuss neu eingekleidet. Als wahrer Luxus erschien dem Mädchen aber der Umstand, über ein Bett zu verfügen, das sie mit niemandem teilen musste.

Prägender Aufenthalt

Neben der körperlichen Fürsorge legten die Pflegeeltern grossen Wert auf die seelische Stärkung des «Rotkreuz-Kindes ». Wie Edith Aichinger in ihrer Erzählung mehrfach hervorhebt, seien es die Wärme und Solidarität gewesen, die sie am meisten überwältigt, ja für ihr ganzes Leben geprägt hätten. Als Kriegskind sei sie zuvor vor allem mit elterlicher Vernachlässigung und körperlicher Züchtigung konfrontiert gewesen. So blieb es der Pflegefamilie vorbehalten, das Mädchen – zum ersten Mal in ihrem Leben – in den Arm zu nehmen, ihr persönliche Wertschätzung auszudrücken und Zuversicht mit auf den Weg zu geben. In der Zuger Familie wurden tagtäglich Werte wie Arbeitsamkeit, Rechtschaffenheit, Hilfsbereitschaft oder Geradlinigkeit vorgelebt.

So wohltuend der (um drei Monate verlängerte) Erholungsaufenthalt wirkte, so trist war die Rückkehr nach Innsbruck. Bei den leiblichen Eltern und Geschwistern löste die Heimkehr der «Schweizerin» keine Begeisterungsstürme aus; dem von Edith mit ihren Pflegeeltern aufgenommenen Briefkontakt bereiteten sie ein baldiges Ende. Im Wissen um den hohen Lebensstandard in der Schweiz setzten dem Mädchen die kriegsbedingten Einschränkungen und verminderten Lebenschancen im Tirol zu. Tatsächlich sollte der Wiederaufbau von Innsbruck noch Jahre in Anspruch nehmen. Die aufkommende Schwermut versuchte das «Schweizerkind » sogleich zu ersticken.

​«In zehn Jahren kehre ich in die Schweiz zurück»

«In zehn Jahren», so wiederholt Edith Aichinger ihren damals gefassten Zukunftsplan, «bin ich alt genug und kehre in die Schweiz zurück!» Gesagt, getan: Auf Vermittlung des Schweizerischen Roten Kreuzes durfte sie 1949 nochmals für drei Monate ins Nachbarland. Diesmal kam Edith auf einem Bauernhof in Sachseln unter. Dort musste sie in Küche, Stall und auf dem Feld anpacken, sodass der Erholungsaufenthalt mitunter mehr einem Arbeitseinsatz glich. 1958 gelang dann die dauerhafte Übersiedlung in die Schweiz. Per Annonce suchte ein Architekt aus Herrliberg für die frisch geborene Tochter ein Au-Pair. Edith Aichinger erhielt die Stelle und liess sich am Zürichsee nieder. In den folgenden Jahrzehnten wechselten zwar die beruflichen Stellungen, Zürich aber blieb der Mittelpunkt in einem ebenso kurzweiligen wie erfüllten Leben. Und die Schweizerfahne schmückt noch heute den Seebacher Balkon und hält die Erinnerungen an die schicksalshafte Reise im «Kinderzug» des Schweizerischen Roten Kreuzes wach.