Nachgefragt

«Keine Form der Medizin ist so intensiv wie die Palliative Care»

Ausgabe 4 / 2019
Dr. Roland Kunz an einem Anlass mit Lea Moliterni
Dr. Roland Kunz und die Autorin Lea Moliterni
Niemand hat in der Schweiz so viel für die Entwicklung der Palliative Care gemacht wie der am Zürcher Waidspital tätige Chefarzt Dr. Roland Kunz. Seit fast 40 Jahren setzt sich der Mediziner für eine würdige letzte Lebensphase ein, in der nicht die Bekämpfung von Krankheit, sondern die Bedürfnisse und Wünsche der Patienten im Vordergrund stehen. Ein biografisches Ereignis rund um das Sterben seines eigenen Vaters prägte vor fast 40 Jahren den damals jungen Assistenzarzt nachhaltig.
Herr Kunz, Sie beschäftigen sich als Geriater und Palliativ-Arzt seit vier Jahrzehnten mit der letzten Lebensphase eines Menschen. Ist das nicht manchmal schwer?
Nein, überhaupt nicht (lächelt). Denn keine andere Form der Medizin ist so intensiv wie die Palliative Care. Wer sich um Menschen in der letzten Lebensphase kümmert, bekommt unglaublich viel zurück. Mein Team und ich erfahren so viel Tiefe in den kurzen Beziehungen und Dankbarkeit, das ist enorm bereichernd. So gesehen, werden wir jeden Tag beschenkt.

Dann frage ich anders: Ist es nicht anstrengend, sich jeden Tag mit dem Sterben auseinanderzusetzen?
Natürlich ist es «happig», aber nicht, weil die letzte Lebensphase dunkel oder anstrengend wäre, sondern es ist die Intensität unserer Arbeit, die starken Gefühle, die zehren können. Aber eben: Die Patienten geben uns gleichzeitig so viel zurück, ich bin dankbar dafür.

Und wie erholen Sie sich? Wo tankt der Palliativ-Mediziner auf?
Im Gespräch! Wir sind ja ein Team – übrigens ein Kernelement von Palliative Care, denn nur gemeinsam und über alle Disziplinen hinweg können wir Menschen mit chronisch fortschreitenden Krankheiten begleiten und betreuen – und gemeinsam besprechen wir, was uns berührt, wie es uns geht. Wir alle benötigen viele Gespräche, um im Gleichgewicht zu bleiben.

Seit knapp 40 Jahren prägen Sie die palliative Entwicklung in der Schweiz. Wussten Sie schon während des Studiums, dass Sie dereinst Palliativ-Mediziner werden möchten?
Ich sage es mal so: Ich wurde nicht Arzt, weil mich etwa die Naturwissenschaften oder die Technik interessierten, sondern die Beziehung zu Menschen. Insofern war der Weg «angelegt», denn Palliative Care ist Beziehungsarbeit. Letztlich waren es dann aber biografische Schlüsselmomente, die mich zum Thema der letzten Lebensphase brachten.

Im Dokumentarfilm «Besser Sterben » von Marianne Pletscher berichten Sie, wie das Sterben Ihres Vaters Sie nachhaltig prägte.
Ja, das ist sicherlich so. Ich hatte soeben mein Staatsexamen gemacht, als die Krebserkrankung meines Vaters in eine terminale Phase überging. Ich begleitete damals meine Mutter zum Hausarzt. Und wissen Sie, was wir erhielten? Ein Rezept für einen Tee und ein einfaches Schmerzmittel. Der Arzt meinte: «Geben Sie ihm das, wenn es dann gar nicht mehr geht.»

Und man sagte Ihnen nicht, dass er bald sterben würde? 
​Ja, so war das. Das war der damalige Standard. Man sprach nicht darüber, dass ein Mensch jetzt sterben wird. Der Arzt war komplett überfordert, und so verschrieb er halt einen Tee. Aber wissen Sie, selbst während meines ganzen Studiums wurde das Wort «Sterben» nicht beim Namen genannt. Es ging und geht ja in der Medizin stets um Fortschritt, um Erfolge und um «Heilung». Dass der Mensch endlich ist, wurde – und wird noch heute! – ignoriert. Das Beispiel meines Vaters ist insofern ein Beispiel dafür, wie die Medizin mit Menschen in palliativen Situation umgeht, nämlich mit Überforderung. Und das hat mich – um auf Ihre Frage nach meinem Werdegang zurückzukommen – sicherlich geprägt und treibt mich noch heute an.

​Was ist Palliative Care?

Palliative Care umfasst die Betreuung und Behandlung von Menschen mit unheilbaren und chronisch fortschreitenden Krankheiten in der letzten Lebensphase. Eine Heilung ist nicht das primäre Ziel. Erreicht werden soll vielmehr eine möglichst gute Lebensqualität.
Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der Palliative Care?
Vieles! Ich wünsche mir wohl vor allem eine Imageveränderung. Heute wird alles Palliative immer noch mit Sterben und Lebensende verknüpft. Aber: Palliative Care ist nicht einfach «optimierte Schmerztherapie» am Ende des Lebens, es ist eine Haltung. Die Haltung, dass der Mensch endlich ist, dass er individuelle Bedürfnisse hat und nicht innerhalb eines standardisierten Schemas behandelt werden möchte. Es geht um Respekt für den Menschen und die Anerkennung, dass der Patient am besten weiss, was er benötigt.

Nächstes Jahr werden Sie 65. Gibt es einen Roland Kunz im Ruhestand?
(lacht) Ich habe mir das noch nicht überlegt, denn ich bin ja hier in der Leitung des Zentrums für Palliative Care und als Mitglied der Spitalleitung immer noch komplett eingebunden und absorbiert. Aber, wenn Sie mich so fragen: Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Management-Aufgaben wahrgenommen, die waren sehr wichtig – auch für die nationale Entwicklung. Ich freue mich sehr darauf, nach meiner Pensionierung wieder wie früher zu «dökterlen» – das zu machen, weshalb ich Arzt geworden bin: um in Beziehung mit Menschen zu sein.
Dr. Roland Kunz, 64, war als Geriater und Palliativ-Mediziner in leitenden Funktionen an den Spitälern Limmattal und Affoltern tätig. Seit 2017 ist er Chefarzt der universitären Klinik für Akutgeriatrie und ärztlicher Leiter des Zentrums für Palliative Care des Stadtspitals Waid. Er publiziert und referiert im In- und Ausland über Palliative Care und wirkt als Dozent für Pflege- und Medizinpersonal im Rahmen von Lehrgängen.