Sarah Schönenberger

«Die Erlebnisse bleiben einem für immer»

31. Mai 2018
Hinter dem breiten Lächeln und den schönen Locken steckt keine gewöhnliche 19-jährige Frau. Sarah Schönenberger engagiert sich seit mehr als zwei Jahren als Freiwillige beim Jugendrotkreuz (JRK) Kanton Zürich, obwohl sie mit der Berufsmatura und ihrer Arbeit in einer Logistik- und Speditionsfirma schon sehr ausgelastet ist.

Die täglichen Sorgen vergessen

Jeden zweiten Samstag spielt und verbringt Sarah Schönenberger Zeit mit Flüchtlingskindern im Durchgangzentrum Hegnau. «Das Warten auf den Asylentscheid kann lange dauern. Während dieser Zeit ist es wichtig, dass die Kinder erfahren, dass es Menschen gibt, die ihnen helfen wollen», sagt sie nachdenklich und fährt fort: «Die Kinder kommen zum Beispiel aus Eritrea, Syrien oder Sri Lanka. Mir ist es wichtig, dass sie an den Spielnachmittagen ihre angespannte Lebenssituation und schlimmen Erfahrungen vergessen können – auch wenn es nur für ein paar Stunden ist.»

Plötzlich müssen sie gehen

Die neuen Kinder sprechen oft kein Deutsch. «Aber sie lernen so schnell», betont Sarah Schönenberger und fügt hinzu: «Nach ein paar Wochen ist die Sprache meist kein Hindernis mehr.» Es hilft, dass sie die äthiopische Sprache Amharisch spricht, die die eritreischen Kinder manchmal ein wenig verstehen.

Sarah Schönenberger hat sich auch bei der «Ferienwoche Sport und Kochen» engagiert, wo die Kinder zwischen 10 und 14 Jahre alt sind. Diese älteren Kinder finden leichter die Worte, um von ihrer Vergangenheit erzählen zu können. Sarah erläutert: «Manchmal haben wir  zwischen den Aktivitäten Zeit, zusammenzusitzen und zu plaudern. Die Kinder erzählen dann von ihrer Vergangenheit. Das ist für sie nicht einfach, aber ich bin froh, dass sie mir vertrauen und sich öffnen.» Sie fährt mit einem ernsten Gesichtsausdruck fort: «Es ist auch hart, wenn ich die Kinder besser kennengelernt habe und sie mir ans Herz gewachsen sind, und dann müssen sie plötzlich gehen. Manchmal erfahre ich nicht, wohin sie ihr Weg führt.»

Prioritäten setzen

Neben diesen traurigen Momenten dominieren jedoch die vielen schönen Erlebnisse. Sarah Schönenberger und die anderen JRK-Freiwilligen waren einmal zu einer eritreischen Geburtstagsparty im Durchgangzentrum eingeladen. Alle im Zentrum feierten. Die Freiwilligen schätzten die herzliche Gastfreundschaft. Und Sarah war sehr stolz auf die  JRK-Freiwilligengruppe, die allesamt  das extrem scharfe Essen probierten.  «Die jungen Menschen beim JRK sind sehr aufgeschlossen und investieren viel Energie, um den Flüchtlingskindern zu helfen. Das gefällt mir sehr.»

«Ich bin in meinem Alltag sehr ausgelastet. Aber es ist alles nur eine Frage der Priorisierung und je aktiver ich bin, desto mehr liebe ich es. Mit dem JRK unterwegs zu sein, lenkt mich ab vom stressigen Alltag mit Schule und Job», erzählt sie.

Die Flüchtlingssituation

Neue JRK-Freiwillige nehmen an einem Willkommenskurs teil, in dem sie alles über die Arbeit des Zürcher Jugendrotkreuzes erfahren und was es braucht, um als Freiwillige oder Freiwilliger fürs JRK tätig zu sein. Sarah Schönenberger erklärt, wie das JRK verschiedene Aspekte ihres Lebens beeinflusst hat: «Ich verfolge die politischen Flüchtlingsdiskussionen jetzt aufmerksam in den Medien. Ich lese die Artikel sorgfältiger, jetzt, wo ich einen persönlichen Bezug zum Thema habe.»

Sarah Schönenberger ist in Zürich geboren. Ihre Mutter ist Äthiopierin und ihr Vater Schweizer. Sie war viele Male in Äthiopien und sah dort die grosse Armut. Doch vor ihrem Engagement beim JRK war ihr nicht bewusst, wie viele Menschen auch in Zürich mit schwierigen Lebenssituationen zu kämpfen haben. «Das JRK hat mich die kleinen Dinge im Leben mehr schätzen lassen. Ich bin dankbar für mein gutes und sicheres Leben hier in der Schweiz. Inspiriert durch meine freiwillige Arbeit überlege ich mir, ein Studium in Sozialarbeit zu beginnen», sagt sie mit leuchtenden Augen.

Offen sein und nicht vorverurteilen

Auf die Frage, was sie jemandem weitergeben würde, der ebenfalls JRK-Freiwilliger werden will, antwortet sie: «Man muss offen sein und nicht urteilen, bevor man die Leute kennt. Das Engagement lohnt sich auf jeden Fall und wird jedem mit Sicherheit wertvolle Lebenserfahrung bringen. Wenn man einmal beim JRK dabei ist, ist es schwer damit aufzuhören, weil es so viel Sinn macht. Es ist nicht nur ein Sport, den man nach einer Weile aufgibt. Die Erlebnisse bleiben für immer.»

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Kompetenzbasierte Freiwilligenarbeit

Autorin des Beitrags ist Stine Rusbjerg Guldager. Sie hat einen Master in Rhetorik an der Universität Kopenhagen absolviert und arbeitet nun hauptsächlich als Freelancerin im Bereich strategische und visuelle Kommunikation. Seit 2015 unterstützt sie als Freiwillige den Bereich Marketing und Kommunikation des SRK Kanton Zürich.

Ihr Freiwilligenengagement läuft unter dem Fachbegriff «Kompetenzbasierte Freiwilligenarbeit», d. h. sie ist in Einsätzen fürs SRK Kanton Zürich tätig, die direkt mit ihren beruflichen und fachlichen Qualifikationen und Erfahrungen zusammenhängen. Diese Art der Freiwilligenarbeit wird seit ein paar Jahren verstärkt nachgefragt. Das SRK Kanton Zürich berücksichtigt dies bei der Ausgestaltung neuer Freiwilligentätigkeiten.